Willkommen im Resort. Als „Resortization" labelte Isabell Graw ihre Gegenwartsdiagnose, wonach sich im aktuellen Kunstbetrieb ein tiefgreifender Strukturwandel ereignete (Texte zur Kunst, Nr. 127, September 2022). Die Verlagerung der Kunstrezeption in die Onlinesphäre und die Ansiedelung von Galerien in den luxuriösen Feriendomizilen von Superreichen ließen die Möglichkeitsräume für Kunstkritik zunehmend geringer werden. Der Künstler Niklas Goldbach hingegen richtet seine Kamera auf die Glücksversprechen von Urlaubsparadiesen auch ohne das große Geld. In den Ausstellungsräumen des HMKV im Dortmunder U inszeniert er dazu die modulare Bungalow-Architektur der Center Parcs Ferienparks als Schauplatz seiner künstlerischen Kritik. In der minimalistischen Kulisse, die an Lars von Triers düstere Gesellschaftsparabel Dogville erinnert, entfaltet Goldbach eine spannungsreiche architektonische Typologie.
The Paradise Machine ist eine Wunschmaschine, durch die das kapitalistische Begehren produziert wird, ganze Ökosysteme nach den Bedürfnissen von Freizeit und Konsum als zweite Natur zu bilden. Waren Richard Buckminster Fullers geodätische Kuppeln für den Ernstfall einer planetaren Katastrophe erdacht – Mahnmale gegen die Zerstörung der Natur –, so feiern die künstlichen Welten der Freizeitparks fröhlichen Eskapismus. Goldbach markiert in seinen Fotografien und Videos Kipppunkte dieser neoliberalen Ferienkolonien von Utopie zu Dystopie. Er veranschaulicht die doppelte Buchführung mit der konfektionierter, kleinbürgerlicher Luxus auf Kosten von Umweltzerstörung und Ausbeutung anderer erkauft wird.
Die Videoinstallation A Date With Destiny (2019) zeigt die beliebten Ferienorte am kalifornischen Salton Sea, der 1905 durch einen Dammbruch des Colorado Rivers künstlich mitten in der Wüste entstand. „Der Salton Sea trocknet langsam aus und hinterlässt eine hochtoxische Landschaft", wie der Begleittext zum Video trocken berichtet: „Giftige Staubstürme verschlimmern die ohnehin schon hohe Zahl an Atemwegserkrankungen in Südkalifornien und an manchen Tagen kann man den See noch 240 km entfernt in Los Angeles riechen."
Für das Langzeitprojekt Permanent Daylight fotografierte Goldbach seit 2013 weltweit menschengemachte Orte in verschiedenen Stadien von der Entstehung bis zum Verfall. In der Konstellation der Ausstellung wird eindrücklich der enorme Kräfteverschleiß dieser touristischen Infrastrukturen zur Darstellung gebracht. In kurzen Glücksmomenten wird die perfekte Illusion vom Paradies auf Erden geboten. Anything goes. Auf einem Foto der Serie Permanent Daylight ist ein ehemaliges Gefängnisgebäude auf der vietnamesischen Insel Côn Đảo zu sehen, in dem noch bis 1975 Folter stattfand. Das neue Idyll des touristischen Sehnsuchtsortes lässt die Schrecken der Vergangenheit vergessen. In seiner Warenform ist es leicht konsumierbar. Je größer die Superlative, umso größer das spekulative Risiko des ökonomischen Scheiterns.
Wohl eines der bekanntesten Beispiele für die spektakuläre Hybris kapitalistischer Naturbeherrschung ist The World, das künstliche Inselarchipel vor der Küste von Dubai. Dessen 300 Inseln in Form einer Weltkarte sind noch aus dem All sichtbar. Seit dem Baustopp 2007 versinkt der Archipel wieder im Meer. Goldbachs Video, das ebenfalls The World (2012) heißt, zeigt dies als romantische Landschaft – ein Chronotopos menschlicher Eitelkeit. Nichtsdestotrotz läuft die Paradise Machine immer weiter.
In der Reihe A State of Happiness (2024) ließ Goldbach Fotografien künstlicher Badelandschaften, wie sie in den Center Parcs zu finden sind, über den gesetzten Bildausschnitt hinaus von einer KI erweitern. In dieser doppelten Mimesis verschwimmen die Unterschiede und die vermeintliche Realität außerhalb des Bildes bzw. des Badeparadieses verblasst. In der Ausstellung sind diese Images als Werbeplakate auf Bauzäune montiert und wirken als befremdliche Versprechen. Der Ausstellungsparcours überzeugt als szenische Rahmenhandlung.
Die komplexe Geschichte der Center Parcs eröffnet ein unheimliches Spannungsfeld von Architektur, Gesellschaft und Biopolitik, wie es Iris Dressler in ihrem Katalogbeitrag konzise beschreibt. Der wohlhabende Niederländer Piet Derksen (1913–1996) war Gründer der Ferienpark-Kette Center Parcs. Goldbachs Video Today on Lumen 2000 (2024), das aus Found Footage besteht, zeigt Derksens missionarischen Eifer im Dienste einer fundamentalen katholischen Rechten. Wie Dressler darlegt, „schreiben sich in die Geschichte der Center Parcs nicht nur die Kontinuitäten des europäischen Kolonialismus, sondern auch des europäischen Faschismus – samt deren Verschränkungen mit der katholischen Kirche – ein." Die Ausstellung im HMKV präsentiert die Heilsversprechen dieser gut geschmierten ideologischen Paradies Machine im Leerlauf und lässt so deren verdrängte historisch-materialistische Kehrseite in all ihrer brutalen Banalität sichtbar werden.
Thorsten Schneider, Ausstellungsbesprechung: Niklas Goldbach: The Paradise Machine, HMKV Dortmund, KUNSTFORUM International, Vol. 297, August 2024
EXHIBITION VIEWS
Tap for gallery view
Exhibition views: The Paradise Machine, HMKV im Dortmunder U, 16.03.–01.09.2024
Curated by Inke Arns. Photos: Roland Baege
PUBLICATION
The exhibition magazine as a free bilingual PDF can be downloaded here – the printed version is available on site at the HMKV bookshop and can be ordered via Verlag Kettler.
Editor: Inke Arns
Texts: Inke Arns, Iris Dressler
Design: Ten Ten Team, Dortmund
Photography: Exhibition views: Roland Baege / Works: Niklas Goldbach
Year: 2024
Language: German, English, German "Einfache Sprache"
Format: 17 × 24 cm, 168 pages
Publisher: Kettler, Dortmund
ISBN: 978 3 98741 126 7
EXHIBITED WORKS
1. 1550 SAN REMO DRIVE
Video, 18:00 min, HD Video, Stereo, 2017
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Photo: Roland Baege
2. INTO THE PARADISE MACHINE
Video Installation, UHD Video, Stereo, 55:00 min, 2022/23
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Photo: Roland Baege
3. TODAY ON LUMEN 2000
Video, duration variable, NTSC Transfer to PAL Video, Stereo, 2024
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Photo: Roland Baege
4. THE WORLD
Video Loop, 13:00 min, HD Video, silent, 2012
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Photo: Roland Baege
5. A DATE WITH DESTINY
Video, 18:45 min, HD Video, Stereo, 2019
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Photo: Roland Baege
6. PARADISE NOW
2-Channel video Installation for 4K Projection and Discoball, 40:00 min, UHD Video, Stereo, 2024
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Photo: Roland Baege
7. PERMANENT DAYLIGHT
Digital pigment prints on Photo Archive Paper, 76 × 50 cm, framed, presented in fixed constellations ('Groups'), 2013 – ongoing
View work
"Day 7", Group from the series Permanent Daylight, 76,4 × 176,6 cm, 2024
3 Digital Pigment Prints on Photo Archive Paper, 75 × 50 cm, individually framed
"Greetings from", Group from the series Permanent Daylight, 76,4 × 176,6 cm, 2024
3 Digital Pigment Prints on Photo Archive Paper, 75 × 50 cm, individually framed
"In Between Days", Group from the series Permanent Daylight, 76,4 × 113,6 cm, 2024
2 Digital Pigment Prints on Photo Archive Paper, 75 × 50 cm, individually framed
"The Killing Moon", Group from the series Permanent Daylight, 76,4 × 367,2 cm, 2024
6 Digital Pigment Prints on Photo Archive Paper, 75 × 50 cm, individually framed
"Posterity", Group from the series Permanent Daylight, 76,4 × 304 cm, 2024
5 Digital Pigment Prints on Photo Archive Paper, 75 × 50 cm, individually framed
8. A STATE OF HAPPINESS
Mixed Media Installation, 12 Digital Prints on chipboard, cable straps, 6 metal hoardings
Installation size: 200 × 350 × 70 cm (Chipboard: 128,9 × 94,1 × 0,5 cm / Print size: 118,9 × 84,1 cm)
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PERFORMANCES
INTO THE PARADISE MACHINE
Video Screening & Lecture Performance with Live Score by Schneider TM, ca. 70 minutes
HMKV im Dortmunder U, Cinema, 23.05.2024
Curated by Inke Arns
Photos: Ermine Ercihan
INTO THE PARADISE MACHINE
Video Screening & Lecture Performance, Stereo, 55 min, 2022/23
Saalbau Witten, 09.08.2024
Photos: Daniel Sadrowski
EXHIBITION VIDEO
https://vimeo.com/929784843
PRESS REVIEWS
"The exhibition at the HMKV presents the promises of salvation of this well-oiled ideological paradise machine in neutral and thus reveals its repressed historical-materialistic flipside in all its brutal banality." Thorsten Schneider, KUNSTFORUM International, Vol. 297 August 2024
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"This desolate landscape in which Goldbach's photographs—either framed or fixed on soft board—act as interior decor or outdoor messages is disturbing enough, even more so when we realize that it's pristine. It lacks any trace of past human presence and feels like a social experiment in the making." Krzysztof Kosciuczuk in Camera Austria, Nr. 166
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"Daniela Berglehn: 'What is paradise for you?' Niklas Goldbach: 'That's difficult. I think we look for the untouched, we feel that the unshaped is a paradise. But there is always the desire to create. And great things are created. It's a dilemma. The longing, it doesn't stop.'" (03 April 2024, Daniela Berglehn in conversation with Niklas Goldbach, Monopol Magazin)
"It's clever how he puts a work from 2022 about the Center Parcs, which are widely spread throughout Europe, into the focus of the exhibition. [...] Goldbach's perspective remains neutral, but in all works it becomes apparent that there's a fine line between Utopia and Dystopia." kunst:art Nr. 15, May/June 2024
"Utopia meets Dystopia. The exhibition poetically stages the correlation between high-level aims and inevitable decay." (08 April 2024, trailer ruhr)
"Goldbach explores resorts all over the world with his camera. [...] But the bitter realization of the exhibition is this: paradise can neither be bought nor be built." (08 April 2024, WAZ)
HMKV WEBSITES
DE: https://www.hmkv.de/ausstellungen/ausstellungen-detail/niklas-goldbach-the-paradise-machine.html
EN: https://www.hmkv.de/exhibition/exhibition-detail/niklas-goldbach-the-paradise-machine-en.html
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