Das, was da ist

Man muss nur nehmen, was da ist. In den Orten, die Niklas Goldbach für seine Video- und Printarbeiten auswählt, verdichten sich dystopische Aspekte zivilisierter postmoderner Lebenswelten, und selbst die scheinbar unberührte Natur ist vom Menschen domestiziert. Spuren von Gesellschaftsentwürfen, sozialen Hierarchien, Kontroll- und Machtsystemen finden sich allenthalben. In vielen seiner Videos besetzt Goldbach die vorgefundenen Kulissen mit Protagonisten, die er als »Stellvertreter« bezeichnet: Klone ein und derselben Person, gekleidet in die Uniform des modernen Stadtbewohners – weißes Hemd mit schwarzer Hose. Die Szenarien, die Goldbach entwirft, ergeben sich aus den Schauplätzen selbst; sie spiegeln die Wirklichkeit des Vorhandenen und sind auf diese Weise fiktiv und real zugleich.

Einer dieser Schauplätze ist Beaugrenelle (oder Front de Seine), ein in den 1970er Jahren als Prestigeprojekt Georges Pompidous aus dem Boden gestampfter, in sich abgeschlossener Stadtteil, bestehend aus Hochhäusern, die das alte Paris Haussmanns weithin sichtbar überragen. Das Konzept war so sozialutopisch wie elitär: In der Vertikale angeordnet, sollten die privilegierten Bewohner aus verschiedenen sozialen Schichten der Enge, dem Schmutz und der schlechten Luft der Stadt entkommen können. Das Projekt scheiterte wie so viele seiner Art, die Gebäude wurden dem Verfall preisgegeben. In HABITAT C3B (2008) bildet dieser Ort die Bühne für das Bruchstück einer Narration. Ein Stellvertreter bewegt sich durch die verschachtelten Unterführungen und Gänge zwischen den Häusern, überquert Plätze, begegnet hier und da einem seiner Doppelgänger, bis er auf eine ganze Gruppe von ihnen stößt, die einen Zirkel bildet, in dem ein Platz frei ist. Als sie den Einzelnen entdecken, nehmen sie die Verfolgung auf, eine Jagd beginnt, die sich im Kreis zu drehen scheint, bis nicht mehr klar ist, wer Verfolger und wer Verfolgter ist. Die Überwachung des Einzelnen durch viele ist in der architektonischen Struktur Beaugrenelles explizit vorgesehen. Die Wohntürme ermöglichen einen umfassenden Blick auf die Plätze, Verbotsschilder regulieren, ein Wachmann besorgt den Rest. »Schöner Wohnen« in der Adaption von Benthams Panopticon, »Überwachen und Strafen« in gekacheltem Ambiente.

Die dreiteilige Videoinstallation EMPIRE (2008) ist an verschiedenen Schauplätzen in Japan entstanden: THE ANTICIPATION im Krater von Mt. Aso vor dem Vulkan Mt. Komezuka; THE CONDITIONING vor einem künstlichen Wasserfall nördlich von Kyoto; THE INCREASE in den Reisfeldern von Omihachiman. In drei Stufen wird das Bild einer fiktiven Weltordnung gezeichnet, wobei der Haupttitel der Arbeit nebenbei auf das japanische Kaiserreich, in erster Linie aber auf Hardts und Negris gleichnamiges Buch verweist. Die erste, archaische Stufe ist bestimmt durch Religion, in der Belohnung oder Strafe von den Göttern ausgeht. Es folgt die zweite Phase der Hierarchisierung und der Separierung einer kleinen Gruppe, die die Masse bewacht und sie mit einer Art Initiationsritus auf das Kommende vorbereitet. Am Ende stehen die Stellvertreter in endlosen Reihen in strenger Haltung und Ordnung, willenlos und mit dem alleinigen Auftrag der Überwachung von Ressourcen. Goldbach entwirft den Weg von einer aus gleichgestellten Individuen bestehenden Gesellschaft zu einer gleichgeschalteten Kontrollgesellschaft nicht als Horrorszenario. Es sind elegische Bilder, untermalt von sanften Hintergrundgeräuschen, in denen perfide-subtil eine »schöne« neue Welt im besten Sinne Huxleys aufscheint.

In seinem jüngsten Video, TEN (2010), riskiert Goldbach einen Blick auf das geheimnisvolle Wirken jener Elite, deren Machtausübung sich in den früheren Arbeiten nur mittelbar im fremdgesteuerten Agieren der Stellvertreter andeutet. Hinter den Kulissen findet sich eine weitere Kulisse: eine nach westeuropäischem Geschmackskonsens luxuriöse Hotelsuite, gestaltet gemäß einem zeitgenössischen antiseptischen „International Style“, vermeintlich auf einem Berg über einer Stadt thronend, die durch das nächtliche Lichtermeer als Metropole ausgewiesen ist. Das Penthouse ist Ort eines Gipfeltreffens von zehn Stellvertretern (in diesem Fall in Gestalt des Künstlers). Im abgeschlossenen Raum formen sie ebenso hermetische wie statische Tableaux, die ihrerseits Stellvertreter sind für nach standardisiertem Ablauf ausgeführte Rituale: gemeinsames Foto, Verhandlung am großen Tisch, Abstimmungsritus, abschließende Entspannung bei Wein und Tanz. Die Eindeutigkeit einiger der Bilder und der Deutungsspielraum, den andere eröffnen, ersetzen die unmögliche Kommunikation zwischen den Protagonisten, die nur eine einzige Person sind, wie in einem Spiegelkabinett multipliziert und isoliert. Den teils geheimbündlerisch anmutenden Handlungen haftet etwas Mythisches an, versinnbildlicht in der Metapher des Orakels von Delphi, das seinen Sitz im Flatscreen hat. Die Zahl der Stellvertreter wiederum ist eine Referenz an die zehn Könige des legendären Atlantis, deren Hybris zum Untergang ihres Reiches führte, und nicht zufällig hat Goldbach als urbanen Hintergrund Athen ausgewählt – glänzende Wiege der Demokratie, Schreckensbild des Bankrotts.

Niklas Goldbach ergänzt in seinen Videoarbeiten kongenial die Resonanzräume des Gegebenen mit metaphorischen Einschüben. Alles bleibt sinnfällige Andeutung, kein Zeigefinger erhebt sich. Seine Bilder sind hochästhetisch, detailversessen, schön – und dabei vollkommen unspektakulär. Sie sind das Ergebnis distanzierter und nüchterner Beobachtung, angereicherte Bestandsaufnahmen dessen, was da ist.

Katrin Sauerländer